STILLE NACHT MIT GANS

STILLE NACHT MIT GANS


Fürchtet Euch nicht!

Weihnachten ohne Kinder und Haustiere: Das Theater Combinale stimmt mit dem Stück „Stille Nacht mit Gans“ heiter-nachdenklich auf das schwierige Familienfest ein

 

Wann fängt das Leben an? Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist? Das ist so ein alberner Schnack. Inga und Klaus haben ohnehin keinen Hund, aber zwei Kinder, die in der weiten Welt unterwegs sind. Es begab sich aber zu der Zeit, dass der Heilige Abend anbrach und das Ehepaar nun erstmals zu zweit das Fest der Liebe verbringen wollte.

Das volle Programm soll abgespult werden: großer Tannenbaum, Gänsebraten, Flötenspiel, Lieder, Gedichte, Geschenke – so will es Inga. Klaus findet das alles etwas übertrieben, doch Inga argumentiert, man müsse ja schließlich die christliche Kultur bewahren, und Weihnachten sei ja auch ein familiäres Ritual. Also lautet die Parole des Abends: „Wir machen es uns richtig schön“, und darauf wird schon mal mit einem Bordeaux angestoßen. So weit, so fröhliche Weihnachten. Bis plötzlich eine fremde Frau im Zimmer steht, die Essen und Obdach begehrt und von der niemand weiß, wer sie ist und warum sie da ist. Und damit beginnt das Drama um die „Stille Nacht mit Gans“, mit dem das Lübecker Theater Combinale die Adventszeit einläutet. Ulli Haussmann hat es geschrieben, und er spielt Klaus: Richter, „radikaler Pazifist, Bayernhasser und Stehpinkler“, wie er sich selbst beschreibt. Gattin Inga, gespielt von Sigrid Dettlof, ist Anwältin, genervt vom „gut gelaunten Zynismus“ ihres Mannes und irgendwie angespannt. Als die Fremde, die sich als Stella vorstellt, ins Haus schneit, flippt Inga aus und will sie schnellst möglich wieder loswerden, während Klaus einen auf Nächstenliebe macht und, obwohl Atheist, gar an einen Engel glaubt, der die Menschen prüfen soll. Als kurz darauf – kling, Glöckchen, klingelingeling – auch noch Inges Schwester Maria auftaucht, die weder Jungfrau noch heilig ist und ebenfalls mitfeiern möchte, eskaliert die Situation bei Grappa und Chablis.

Im modern eingerichteten Wohnzimmer des gutsituierten Ehepaars (Ausstattung: Sonja Zander) entspinnt sich eine Debatte über die Werte des Weihnachtsfestes im Allgemeinen und angestaute Aggressionen der Ehepartner im Speziellen. Es werden Verdächtigungen ausgesprochen, Beweise gesammelt, Plädoyers gehalten, es wird Einspruch erhoben und abgelehnt, schließlich verhandeln hier zwei Juristen. Immer wieder geht es um Wahrheit – in der Beziehung, im Mythos Weihnachten, im Miteinander – oder was wir für Wahrheit halten. Ulli Haussmann und Sigrid Dettlof halten die Balance zwischen tragischen und komischen Momenten und bleiben trotz mancher Überspitzung glaubwürdig. Dagmar Dreke spielt Schwester Maria schön überdreht und mit viel Spiellust, und Alexandra Neelmeyer gibt der Fremden etwas Geheimnisvolles.

Regisseur Joachim Kappel hat das Stücksehr kurzweilig inszeniert und als Highlight mit dem Nachspielen der Weihnachtsgeschichte ein Stück im Stück geschaffen. Mit kleinen Püppchen stellen die Akteure das Wunder der Weihnacht nach, eine Webcam überträgt das Spektakel auf eine Leinwand. Ein Heidenspaß für Zuschauer und die Darsteller. Das heilige Paar, Hirten und Könige sind merkwürdige Gesellen, doch damit sie in der Story besser rüberkommen, wird die Weihnachtsgeschichte geschönt. Was ist am Ende die Wahrheit? Und kommt es überhaupt darauf an, sie zu kennen, oder sollte man lieber eine schöne Geschichte erzählen? Das sind zentrale Fragen an diesem Abend. Ein heiter-nachdenklicher Abend, für den das Premierenpublikum mit sehr viel Beifall dankte. Und die Moral von der Geschicht’? Ob Weihnachten zu zweit oder in größerer Runde: Fürchtet euch nicht. 

Lübecker Nachrichten

Frohe Weihnachten im Combinale

Alle Jahre wieder suchen Theater für die Vorweihnachtszeit nach passenden Stücken. Weihnachtsmärchen für Kinder; kein Problem. Aber Stücke für Erwachsene? Im Theater Combinale griff Ulli Haussmann, einer der drei Leiter, selber zur Feder und landete einen Volltreffer.

"Stille Nacht mit Gans" heißt das Stück, das seine Uraufführung in der Regie von Joachim Kappl erlebte. Ausverkauftes Haus am Sonnabend. In Ankündigungen wurde verraten, dass ein recht wohlhabendes Ehepaar nach vielen Jahren mit den Kindern nun zum ersten Mal ohne den flügge gewordenen Nachwuchs das Fest der Feste begehen will. Es soll so richtig gemütvoll und entspannt werden, mit Gans und Rotwein, und ansonsten "nur wir zwei!"

 

Es würde kein Theaterstück ergeben, wenn das so abliefe. Aus Pausengesprächen ging hervor, dass manche Zuschauer angenommen hatten, es werde zu einem ständigen verbalen Schlagabtausch kommen. Ein Boxkampf über zwölf Runden vor dem Tannenbaum, wortmächtiges Kabarett vielleicht. Aber weit gefehlt. Zwar gerät der Abend total aus den Fugen beziehungsweise aus der Planung. Natürlich gibt es Wortwechsel zwischen den Partnern, die beide Juristen sind, sich also mit Argumenten auseinandersetzen können. Den Konfliktstoff aber bringen zwei Gäste ins Weihnachtszimmer.

 

Sie kommen unangemeldet und unerwartet, die Halbschwester der Gattin und eine Unbekannte. Ein Flüchtling? Der Engel aus der Weihnachtsgeschichte? Mehr sollte hier, wie bei einem guten Krimi, nicht verraten werden. Nur noch soviel: Es wird durchaus seriös über die Weihnachtsgeschichte, die biblische, verhandelt. Denn Inga, die Hausherrin, ist im christlichen Glauben erzogen, ihr Mann Klaus bezeichnet sich als Atheist. Mit der Schwester diskutieren sie sogar über biblische Wahrheiten und christliche Mythen. Da wird mancher Text aus heiligen Schriften auseinandergenommen, zum Schluss aber beinahe liebevoll wieder zusammengefügt, und zwar auf eine Weise, die dem Publikum bisweilen Lachtränen in die Augen treibt. Nebenbei wird über Vorurteile und Urteile nachgedacht; wir sind schließlich bei Juristen.

 

Sigrid Dettlof spielt die Hausfrau Inga, die Anwältin, die sehr schnell den Verhör-Modus einschaltet, sofort mit Schlussfolgerungen bei der Hand ist. Die äußere Mauer der Wohlanständigkeit bekommt nur gelegentlich Risse. Ulli Haussmann gestaltet die Rolle des Ehemannes, des Richters, der sich auch daheim um eine faire Prozessführung bemüht, selbst gegenüber der verdächtigen Person. Zwei Schauspielerinnen aus Hamburg ergänzen das heimische Team. Dagmar Dreke ist eine etwas schrille Pendlerin zwischen den Gefühlswelten, direkt, manchmal derb, ansonsten ein Mensch, den man verstehen kann. Mit Geheimnissen umgibt sich Alexandra Neelmeyer als Gast, der vielleicht aus der Ferne kommt.

 

Mit Hilfe moderner Technik geht es schließlich in den Stall von Bethlehem, und hier sind die Dialoge in Schwyzer Düütsch, der Mix von Rassen und Sprachen an vielen Stellen schlichtweg umwerfend. Kein Wunder, dass das Publikum lange applaudierte. Das Stück steht den ganzen Dezember über auf dem Spielplan und vielleicht sogar im nächsten Jahr. Denn wie gesagt: Alle Jahre wieder...

 

Wäre noch zu ergänzen: Sonja Zander baute das stimmungsvolle Weihnachtszimmer, Katia Diegmann stattete es aus, Annika Löhner bastelte Figuren für die Krippe, und Regisseur Joachim Kappl garniert die Handlung mit passender Musik und Glockengeläut.

HL-Live